E-AU führt zu Top-Arbeitsunfähigkeitszahlen

E-AU führt zu Top-Arbeitsunfähigkeitszahlen

Die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) hat die Wahrnehmung von Krankheitsausfällen in Deutschland grundlegend verändert – und sorgt bis heute für Diskussionen. Aktuelle Auswertungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigen: Die Fehlzeiten bleiben auf hohem Niveau, doch ein wesentlicher Teil dieses Anstiegs ist auf einen statistischen Effekt zurückzuführen.

Im Jahr 2025 fehlten AOK-versicherte Beschäftigte durchschnittlich 23,3 Tage krankheitsbedingt am Arbeitsplatz. Damit liegt der Wert leicht unter dem Vorjahr (23,9 Tage) und etwa einen Tag unter dem bisherigen Höchststand von 2022 mit 24,5 Tagen. Trotz dieses leichten Rückgangs bleibt das Niveau der Fehlzeiten insgesamt hoch – höher als noch in den Jahren vor der Pandemie.

Der zentrale Grund dafür liegt laut WIdO weniger in einer tatsächlichen Verschlechterung der Gesundheit, sondern vielmehr in einer veränderten Erfassungssystematik. Mit der Einführung der eAU im Jahr 2022 wurde die Meldung von Krankheitsfällen digitalisiert und deutlich lückenloser. Insbesondere kurzzeitige Erkrankungen, die zuvor häufig gar nicht oder verspätet gemeldet wurden, fließen nun vollständig in die Statistik ein.

Diese Entwicklung führt zu einer sogenannten „Niveauverschiebung“: Die Zahlen wirken höher, weil sie vollständiger sind. WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder spricht in diesem Zusammenhang von einem „bemerkenswerten Anstieg“, der jedoch vor allem auf die verbesserte Datenerfassung zurückzuführen ist.

Ein Blick auf die Detaildaten bestätigt diesen Effekt. Besonders auffällig ist der Anstieg bei den kurzzeitigen Erkrankungen mit einer Dauer von bis zu 14 Tagen. Während im Jahr 2016 durchschnittlich 6,7 Arbeitsunfähigkeitstage auf solche kurzen Krankheitsphasen entfielen, waren es 2022 bereits 10,1 Tage. Im Jahr 2025 lag dieser Wert bei 9,1 Tagen – weiterhin deutlich über dem Niveau vor Einführung der eAU.

Anders sieht es bei langfristigen Erkrankungen aus. Für Krankheitsfälle mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen zeigen die Daten keine vergleichbaren Sprünge. Hier bleibt das Niveau relativ stabil, was ein wichtiger Hinweis darauf ist, dass sich die tatsächliche Krankheitslast in der Bevölkerung nicht im gleichen Maße verändert hat wie die Statistik vermuten lässt.

Wie groß der Einfluss der eAU tatsächlich ist, verdeutlicht eine Modellrechnung des WIdO: Hätte man die Entwicklung der Fehlzeiten aus den Jahren 2016 bis 2019 einfach fortgeschrieben, wären für das Jahr 2025 im Durchschnitt lediglich 20,8 Krankheitstage zu erwarten gewesen. Der tatsächliche Wert liegt mit 23,3 Tagen also um rund 2,5 Tage beziehungsweise mehr als zehn Prozent darüber.

Diese Differenz macht deutlich, wie stark sich die veränderte Erfassung auf die Statistik auswirkt. Für Unternehmen, Betriebsärzte und Gesundheitsexperten ist diese Einordnung entscheidend. Denn ohne Berücksichtigung dieses Effekts könnte der Eindruck entstehen, die gesundheitliche Situation der Beschäftigten habe sich deutlich verschlechtert – was so pauschal nicht zutrifft.

Gleichzeitig zeigen die Daten aber auch reale Entwicklungen, die nicht ignoriert werden sollten. Insbesondere bei den Langzeiterkrankungen fällt auf, dass psychische Belastungen weiterhin eine bedeutende Rolle spielen. Hier handelt es sich nicht um einen reinen Statistik-Effekt, sondern um ein ernstzunehmendes gesundheitliches Thema in der Arbeitswelt.

Für die betriebliche Praxis bedeutet das: Die eAU liefert zwar genauere Daten, erfordert aber auch eine differenzierte Interpretation. Höhere Fehlzeiten sind nicht automatisch gleichbedeutend mit einer schlechteren Gesundheit der Belegschaft. Vielmehr spiegeln sie eine verbesserte Transparenz wider.

 

Langfristig bietet diese Entwicklung auch Chancen. Die vollständigeren Daten ermöglichen eine präzisere Analyse von Krankheitsmustern und damit gezieltere Präventionsmaßnahmen. Unternehmen können besser erkennen, wo Handlungsbedarf besteht – sei es bei kurzfristigen Infekten, ergonomischen Problemen oder psychischen Belastungen.

 

Die Herausforderung besteht nun darin, diese Daten richtig zu nutzen: nicht als Alarmzeichen allein, sondern als Grundlage für eine moderne, datenbasierte Gesundheitsstrategie im Betrieb. Denn nur wer versteht, was hinter den Zahlen steckt, kann wirksam handeln.

Die Besprechung der Krankheitszahlen gehört regelmäßig in den Arbeitssicherheitsausschuss.

Denn:

– Mehr krankheitsbedingte Ausfälle können auf Problembereiche hinweisen

– Krankheitsbedingte Ausfälle führen zu Überlastungen bei den gesunden Mitarbeitenden.

– Mehrbelastungen bei unseren Mitarbeitenden führt zu einem erhöhten Risiko für Arbeitsunfälle

– Eine niedrige Arbeitsunfallstatistik im Unternehmen ist genau wie die Minimierung von Arbeitsunfällen ein Qualitätsindikator für unser Unternehmen.

– Im Abgleich mit den Ergebnissen der Befragungen zum Thema psychische Belastung zeigt die Arbeitsunfallstatistik wichtige Handlungsfelder auf.

Gerne berate ich Sie zu Optionen zur Analyse und Optimierung der Arbeitsunfähigkeitsstatistik in Ihrem Unternehmen.

Ihr Betriebsarzt Thomas Riebschläger